Vision und eigene Pläne

01.07.2018

Mit Vision nach Südamerika

Mit 23 Jahren hatte ich eine Vision, auf deren beginnende Erfüllung ich 7 Jahre warten musste. Der Grundtenor war Folgender: Ich hatte tagsüber einen sehr realen und emotional bewegenden Traum. Man könnte es auch eine Vision nennen. Dieser Traum hat sich in Aspekten sogar noch ein zweites Mal wiederholt. Folgendes Bild sah ich dabei innerlich:

Ich sah eine Landkarte mit 4 Ländern. Ein sehr schmales, ein sehr großes, ein noch größeres und ein sehr kleines. Ein Blick auf die Weltkarte machte mir sehr schnell klar: Hier handelte es sich um Chile, Argentinien, Brasilien und Paraguay. Parallel zu diesem Bild spürte ich ganz deutlich eine innere Aufforderung von Gott in diese Länder zu gehen. Ab diesem Moment loderte eine Leidenschaft für diese Länder in mir, die ich kaum beherrschen konnte.

Ich saugte alles, was ich über sie erfahren konnte, auf.

Und ich wollte sofort dort hin. Am besten nächste Woche.  Oder morgen. Am besten gleich.

Da ich davon ausging, dass Gott mir diese Vision geschenkt hat, löcherte ich ihn täglich wegen weiterer Informationen: Wann geht’s los? Was werde ich dort tun? Bin ich dort alleine? Wie wird das alles stattfinden? Und so weiter.

Tatsächlich erfuhr ich ... nichts.

Erst nach über einem halben Jahr hatte ich diesbezüglich wieder einen Eindruck, dass Gott sagte, in 5-6 Jahren sei es soweit. Das wäre in den Jahren 2009/2010. Viiiiel zu weit in der Zukunft für mich. Aber leider konnte ich es nicht ändern.
Etwa 2 Jahre später erhielt ich von einem Bekannten eine Ermutigung, nach Südamerika zu gehen. Er wisse nicht wann und wie, aber er meinte: „Gott will dich dort gebrauchen“. Er wusste übrigens nicht von meiner Vision, da ich niemandem etwas davon erzählt hatte.

Was für eine Zusage! Ich war neu ermutigt und nahm mir vor, mich bestmöglich vorzubereiten. Also lernte ich die Sprache und versuchte in Kontakt mit Einheimischen zu kommen.

Ich machte eine Kurzreise mit ein paar Bekannten nach Ecuador, um zu erfahren ob ich mit dem südamerikanischen Menschenschlag zurechtkomme. Ein Jahr nach dieser Reise arbeitete ich 3 Monate in Spanien, um die Sprache besser zu sprechen.

Was ich aber nicht tun konnte, war mir selbst eine Tür zu öffnen, um nach Südamerika zu gelangen. Ich brauchte einen Anknüpfungspunkt. Den konnte ich nicht selbst erschaffen.

Das konnte nur Gott. Und er tat es auch und zwar auf folgende Weise.

Ein Sabbatjahr mit unerwarteten Bekanntschaften

2008-2009 verbrachte ich ein Sabbatjahr in einer christlichen Kommunität. Das an sich war schon eine nachhaltige Erfahrung. Was mich aber völlig aus der Bahn warf, war Gottes Timing. Gerade hier hatte er mir den lang erbeteten Kontakt vorbereitet, meine Brücke nach Südamerika.

Mittlerweile hatte meine Vision an „Fleisch“ gewonnen. Das heisst, ich hatte so langsam einen Plan von dem, was ich in Südamerika machen würde, wenn es denn soweit war.

Diese gedanklichen Ausschmückungen der „Grundvision“ die ich von Gott erhalten hatte, war jedoch ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen sollte.

Statt offen für die weitere Einzelheiten dort hin zu gehen, hatte sich in meinem Kopf langsam ein Bild abgezeichnet, von dem, was ich dort tun wollte.

Mein Plan war, dort eine kreative Lebenssschule aufzubauen. Es sollte ein Ort sein, an dem junge Mensch ein oder zwei Jahre verbringen konnten, um ihre Lebensvision zu entdecken, ihre Gaben zu entfalten und dem nachzuspüren, was Gott für sie vorbereitet hat.  Aufgrund der Erfahrungen, die ich die letzten Jahre gemacht hatte, schien mir das nur eine folgerichtige Konsequenz. Aber „folgerichtige Konsequenz“ ist eben nicht dasselbe, wie eine durchtragende Vision. Dieser Fehler führte in seiner Schlussphase zu einer meiner größten Lebenskrisen. Doch dazu später mehr.

Der Sprung über den großen Teich in zwei völlig fremde Kulturen

In der bereits erwähnten christlichen Kommunität fand ich einen Mentor, der selbst gerade mit seiner Familie von einem 17jährigen Einsatz aus Argentinien zurückgekehrt war. Er war voller Erlebnisse, die er teilen wollte und ich wie ein Schwamm, der alles aufsaugen wollte, was mit dieser fremden und exotischen neuen Welt zu tun hatte. Endlich erlebte ich God@work.

Durch diesen Mentor bekam ich Kontakt zu einem argentinischen Missionar, der eine Schule für interkulturelle Mission aufgebaut hatte. Ich hatte ohnehin vor, erst 1-2 Jahre Land, Leute, Kultur und Sprache kennenzulernen, bevor ich mich „auf meine Vision stürzte.“

So geschah es dann auch. Ich ging nach Argentinien und war sogar in jedem der anderen meiner „verheißenen“ Länder, wenn auch nur für kurze Zeit.

In Argentinien, wo ich studierte und in Chile, wo ich ein Praktikum absolvierte, bereitete ich Stück für Stück alles für die Umsetzung „meiner Vision“ vor. 2 Jahre lang theoretische und praktische Erfahrung an und mit Menschen waren schließlich eine ziemlich gute Vorbereitung, wie ich mir dachte.

Gott schenkte mir sogar Kontakte, die meine Lebensschul-Vision beinahe zu 100% mit mir teilten und mit denen ich tatsächlich einen Plan auf Grundlage meiner Vision ausarbeitete. Ich hatte diese Menschen nicht gesucht. Sie waren mir tatsächlich „über den Weg geschickt“ worden. Insofern glaubte ich selbst immer mehr an meine immer größer gewordene Lebensschul-Vision.

Erst später erkannte ich, wie ich das Fundament – die echte Vision, mit dem später hinzugekommen, selbst erstellten Plan überdeckt und als echte Vision mir selbst verkauft hatte.

So wähnte ich mich in der richtigen Richtung und ging weiter voran.

Das Aus meiner Vision!

Am Ende meiner zweijährigen Studienzeit, wurde ich auf Schlag auch mit dem Ende meiner Vision konfrontiert. Nachdem ich mich innerlich schon auf einen 10 jährigen Einsatz in meinem Visionsgebiet eingestellt hatte, wurde mir von einem Tag auf den anderen von meinen argentinischen Kompagnons mitgeteilt, dass sie entschieden hatten, das Projekt selbst in die Tat umzusetzen, ohne meine Hilfe.

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Meine Welt brach zusammen.

Ich hatte mich so in „meine Vision“ verrannt, dass ich nun in der Sackgasse steckte.

Da mein Studium zeitgleich zu Ende war, blieb mir nichts anderes übrig, als völlig entmutigt und verwirrt nach Deutschland zurückzukehren.

Um nicht völlig aus der Bahn geworfen zu werden, dachte ich, dass ich mir einfach „eine neue Vision“ zulegen könnte. Aber dem war nicht so. Eine Vision kann man eben nicht ersetzen wie ein neues Paar Schuhe.

Ich arbeitete übergangsweise in einen Verein, den ich in der Asylarbeit unterstützte. Während dieser Zeit wartete ich die ganze Zeit darauf, dass eine neue Tür nach Südamerika aufging, schließlich hatte ich ja eine gottgegebene Vision. Doch es passierte nichts. Ich wurde desillusioniert und habe Gott angeklagt, weil ich es einfach nicht verstand.

Vision vs. eigene Pläne

Der Unterschied zwischen Gottes Vision für mich und meinen eigenen Plänen, die sich im Laufe der Jahre darum herum entwickelt hatten, ist mir erst Monate später so richtig bewusst geworden. Ich hatte Gottes ursprüngliche Vision gegen meine Pläne eingetauscht.

Gottes Grundgedanke für mich war lediglich, dass ich nach Südamerika gehen und er mich dort gebrauchen wollte. Das hatte er auf vielfache Weise in den zwei Jahren Studienzeit dort getan. Und die Zeit, die ich als Vorbereitungszeit wahrgenommen hatte, war vielleicht in Wirklichkeit meine Einsatzzeit gewesen.

Merke: Bleibe bei der Essenz deiner Vision.