Weihnachten weit weg von Zuhause – Feliz Navidad in Südamerika

08.12.2017

Heilig Abend auf dem Grill

Zuerst einmal ist „Heilig-Tag“ ein ganz normaler Arbeitstag, wie jeder andere auch. Falls man von seinem Job frei haben sollte, arbeitet man halt zuhause. Man mäht den Rasen, gießt die Blumen oder putzt das Haus.

Das tut man in der Regel bis es dunkel ist. Ein Kirchenbesuch am Nachmittag oder frühen Abend, wie das in Deutschland für viele noch üblich ist, existiert hier am 24. nicht. Falls überhaupt, geht man am 25. in den Gottesdienst. 

Heiligabend besteht hauptsächlich aus einem großen Familienbankett. Doch die Essenszeiten weichen auch zu Weihnachten von unseren sehr stark ab und somit verschiebt sich das Abendessen sehr zum Leidwesen eines jeden deutschen Magens stark nach hinten.

Es ist durchaus üblich, dass der Hausherr gegen 21 Uhr abends langsam den Grill anwirft. Er trägt als „Parillero“ die Verantwortung dafür, dass alle später mit leckerem, nicht verkohltem Grillfleisch versorgt werden. Da dies in Argentinien zelebriert wird, dehnt sich so ein Grillprozess über mindestens 2 Stunden aus. 

Nach und nach treffen auch alle weiteren Familienglieder ein: die Kinder und Enkelkinder, die Geschwister, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. 

Die Männer sammeln sich standesgemäß mit einer Flasche Bier um das Feuer und beobachten, ob auch das Holz ordnungsgemäß herunterbrennt. Sie kehren die Glut zusammen und erst, wenn sich genügend davon angesammelt hat, kommt das Rindfleisch auf den Grill. Es wird einmal mit grobem Salz gewürzt und das war es bis es gar ist. So entsteht ein sagenhaft zartes, aromatisches Grillfleisch, dass wir merkwürdigerweise mit unseren 20-Minuten-Fertig-Grills in Deutschland nicht ansatzweise so schmackhaft hinbekommen.

Die Frauen helfen sich derweil gegenseitig. Neben den Salaten und anderen Beilagen werden natürlich auch der neueste Klatsch und Tratsch von Familien und Freunden aufbereitet und dann ordentlich zerkleinert.

So ist jeder mit der Aufteilung zufrieden und alle haben etwas gemeinsam: Sie kühlen Stück für Stück ab, denn mittlerweile ist es statt tagesüblichen 30-35 Grad nur noch 20 Grad warm. 

Ab 23 Uhr fangen jedoch die Kleinsten an zu quengeln. Zum einen aus Müdigkeit und zum anderen aus Hunger.
Dies ist der Punkt an dem die Frauen anfangen den Männern die Schuld zuzuschieben, dass das Fleisch IMMERNOCH NICHT fertig sei und die Kleinen deswegen bald verhungern würden. Die Männern lassen dies natürlich nicht einfach so auf sich sitzen und verteidigen sich damit, dass man ihretwegen längst hätte essen können, wenn die Frauen weniger reden und stattdessen den Salat schneller schneiden würden. 

Unter fortlaufendem Gezeter und wildem Gestikulieren werden dann so viele Leckereien aufgetischt, dass sich die Tafel biegt. Alle freuen sich und schlagen sich nach dem langem Warten den Bauch ordentlich voll. Auch die Kinder sind besänftigt, denn als Nachtisch gibt es für jeden einen großen Fruchtsalat mit Eis. Ein Muss bei jedem argentinischen Weihnachtsessen. 

Doch als die Gespräche langsam ruhiger werden und die Kinder schläfriger, durchzuckt plötzlich ein Schuss die ruhige Nacht. 

Dann noch einer.

Und noch einer.

Und es werden immer mehr.

Es hört sich fast an... wie ... Sylvester?

Das ist doch unmöglich?! 

Ein Blick auf die Uhr versichert einem, es stimmt. 

Es ist nicht der 31. sondern der 24. 

Nein, der 25. Dezember, denn es hat gerade 12 geschlagen.

Mit Raketen und Böllern wird also der offizielle Weihnachtsfeiertag, der 25.12. eingeläutet.

In den Stadtzentren gehen nun die Partys los und das feierwillige Volk strömt auf die Straße, wie bei uns zu Sylvester.

Verkehrte Welt am anderen Ende der Welt.

Oder ist es bei uns verkehrt?

 

1. und 2. Weihnachtsfeiertag in brütender Hitze

Gesetzliche Weihnachtsfeiertage, wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es in Argentinien, trotz mehrheitlich katholischer Bevölkerung, nicht. 

Wenn man nicht arbeiten muss, nutzt man diese Tage, um die Familie entweder in der Nähe oder auch weiter entfernt zu besuchen. Alternativ geht man abends mit Freunden ins Kino oder Essen.

Die Haupteinkaufsstraßen der Innenstädte sind mit Lichterketten, manchmal Tannenbäumen oder künstlichen Ketten aus Schnee-Styropor behangen. Auf der Plaza Central – dem zentralen Marktplatz einer Stadt – gibt es häufig einen Lichterbaum. Meterlange Lichterketten werden von einem hohen Turm bis zur Erde heruntergespannt, um eine Tannenbaumform zu imitieren. Weihnachtsmänner stehen in den Shopping-Malls herum und hier und da wird eine übermäßige Krippe mit Hirten und Jesuskind aufgebaut.

Doch so richtig will bei 30-40 Grad keine Weihnachtsstimmung aufkommen.

Vielleicht hat man sich auch ein paar Tage Urlaub genommen, um mit der Familie einen Ausflug zu machen oder an einen der heißbegehrten inländischen Urlaubs-Hotspots am Meer zu fahren. 

Wohnt man nahe der Küste, hat man Glück und kann sich direkt in die erfrischenden Fluten stürzen. 

Dummerweise haben 1.000de anderer Urlauber zeitgleich am selben Ort dieselbe Idee und so wird es auch hier nichts mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit.

Hat man es endlich geschafft, halbwegs eine innere „Festlichkeit“ aufzubauen, sind die Weihnachtstage auch schon wieder vorbei und es ist...

 

Silvester mit einer Erleuchtung

Auch Sylvester verläuft anders als man denkt. Der Tag nimmt einen ähnlich ernüchternden Lauf, wie der 24. Dezember. Man macht Einkäufe, repariert etwas im Haus und mäht Rasen. Es bleibt ein Rätsel, wie trotz der mörderischen Weihnachtshitze der fast weiße Rasen so stark wachsen kann, aber er kann. Das liegt wohl vor allem auch an den weitverzweigten Bewässerungsanlagen, die sich in jedem Garten und auch auf jeder Finca finden. Sonst würde zumindest in den halbwüstenartigen Zonen kaum etwas wachsen.

Am Silvesterabends geht man entweder mit Freunden aus oder trifft sich mit der Familie – wieder – zum Asado, was wie gewohnt, ein paar Stunden dauert.

Im Gegensatz zum „Heiligen Abend“ nutzen die Argentinier den gar nicht so heiligen Abend des 31.12. zu einem Gottesdienstbesuch. Gerne auch erst um 21 Uhr abends. 

Wenn man nicht mit der Familie grillt, bereitet man ein nächtliches Picknick vor. Man nimmt einen überquellenden Picknickkorb zum Gottesdienst mit und feiert im Anschluss zusammen mit der ganzen Gemeinde und das bis Mitternacht. 

Statt der nun erwarteten Böller wird man überrascht, denn es bleibt still. 

Dafür passiert etwas Außergewöhnliches:

Der Himmel ist plötzlich erfüllt von Tausenden kleiner Lichter. 

Wie Glühwürmchen erheben sie sich in die dunkle Nacht. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, worum es sich wirklich handelt.

Hunderte und Tausende „Globos“ steigen auf. Es sind kleine Heißluftballons, unter denen ein Teelicht brennt, das ihnen Auftrieb verleiht und sie immer höher steigen lässt. Bis sie das gesamte Firmament erleuchten. 

Ein außergewöhnliches und wunderschönes Spektakel.

Hier und da hört man nun auch ein paar Knaller und Raketen. Aber sie sind stark in der Minderheit.

Sind zwischen 1 und 2 Uhr Nachts alle Globos in die Luft gestiegen und alle Knaller verraucht, folgen dutzende Umarmungen und Küsse, selbst mit Wildfremden und eben so viele gegenseitige Segenswünsche für das neue Jahr.

Also doch etwas wie bei uns.

¡Feliz navidad y feliz año nuevo!

Was du unbedingt beachten musst, bevor du wieder in deine alte Heimat zurückkehrst. Sonst droht der umgekehrte Kulturschock!