Scham und Schuldkultur - Ankunft im fremden Land - Teil III

01.12.2016

10. Ein Wort (oder zwei) zur Scham-und Schuldkultur

Da es bereits umfangreiche Literatur zu diesem Thema gibt, möchte ich nur kurz auf dieses Thema eingehen.

Viele glauben, dass wegen seiner christlichen Wortwahl die Begriffe Scham-und Schuldkultur nur für Missionare, diakonische christliche Arbeit oder Hilfsprojekte mit christlichem Anstrich relevant sind. Tatsache ist, dass man mit den Auswirkungen beider Kulturarten tagtäglich konfrontiert wird, egal ob man selbst oder das Gegenüber christlich, moslemisch, jüdisch, buddhistisch oder atheistisch ist.

Am stärksten ist dies in einer Situation erlebbar, in der das Gegenüber einen offensichtlichen Fehler begangen hat. Seine Reaktion auf diesen Fehler offenbart, aus welchem der beiden Kulturkreise er stammt. Das möchte ich an den drei folgenden Beispielen verdeutlichen.

Bsp.1: Person A ist bei Person B zu Gast. Person B fällt etwas vom Tisch herunter. Statt dies zu bejahen oder zuzugeben, wird es kommentiert mit „Oh, hier ist etwas heruntergefallen“. Die Tat wird nicht als begangen anerkannt oder vor dem anderen bekannt. Person B schweigt im Gegenzug, bzw. beschuldigt den wackeligen Tisch o.ä. damit das Gesicht des Verursachers gewahrt bleibt.

Bsp.2: Person fällt wieder etwas vom Tisch im eigenen Wohnzimmer herunter. Vor Ihrem gegenübersitzenden Gast entfährt ihr ein spontanes „Ich Tölpel!“ oder „Wie ungeschickt von mir!“, während sie sich eilends daran macht, den kaputten Gegenstand zusammen zu kehren. Person B reagiert mit „Warte ich helfe dir“ und räumt mit auf. Person B bestreitet dies in keiner Weise, aber versucht die Situation abzumildern.

Bsp.3 Person A ist zu Gast bei Person B. Wieder fällt ihr ein Gegenstand vom Tisch. Person A ruft, als sie es bemerkt „Wie dumm von mir, das tut mir leid“, oder „Dass mir das immer passieren muss!“. Person B versichert ihr, dass es gar nicht schlimm sei und ihr auch schon oft passiert sei. Sie macht sich schnell daran, alle Spuren schnellstens zu beseitigen. Hierbei übernimmt Person A ganz deutlich Verantwortung für die geschehene Tat.  Person versucht die Tat von Person A zu überdecken und ungeschehen zu machen.

 Versuche anhand der folgenden Tabelle zuzuordnen, welche Person in dem jeweiligen Beispiel eher einen schamorientierten Kulturhintergrund entstammt und welche einem schuldorientierten.

Schreibe mir kurz deine Vermutungen an: marco@schnells.info.

Unter allen Einsendungen verlose ich drei Gratis-Ausgaben meines eBooks „In 8 Schritten zur interkulturellen Kompetenz“.

 Schuld- und Schamorientierung nach Klaus W. Müller

schuldorientiert

schamorientiert

Ausgangspunkt der Prägung

Kleine Zahl von prägenden Personen,

genau definiert: Eltern (Basisfamilie)

 

Große Zahl von prägenden Personen

(Großfamilie), ungenau definiert: Eltern

und Verwandte, Fremde; Geistwesen.

 

Struktur

Verhaltensmaßstäbe der prägenden Perso-

nen werden übernommen, das Gewissen

bildet sich aus.

 

Verhaltensmaßstäbe der prägenden Per-

sonen werden übernommen, das Gewis-

sen bildet sich aus.

 

Manifestierung

In sich selbst, das eigene Gewissen ist

Normüberwachung.

 

Andere Personen oder Geister sind Autorität zur Überwachung der Norm.

 

 

 

Reaktion bei geplanter Normverletzung

Signal des Gewissens, dass die imaginäre Tat falsch ist.

Abwehrmechanismus wird aktiviert.

Signal des Gewissens, dass die

imaginäre Tat falsch ist.

Abwehrmechanismus wird aktiviert.

Reaktion bei tatsächlicher Normverletzung

Störung des Gleichgewichtes von innen verursacht.

Sofort, immer als Schuldgefühl erlebt,

das als Bestrafung empfunden wird.

Entlastungsmechanismus wird aktiviert.

Störung des Gleichgewichtes von

außen, aber nur dann, wenn die

Tat anderen bewusst wird.

Sofort, immer als Schamgefühl er-

lebt, das als Bestrafung empfunden wird. Abwehrmechanismus wird aktiviert.

Ergebnis

Ein funktionsfähiges Gewissen (Superego) führt zum Frieden.

Ein funktionsfähiges Gewissen

(Superego) führt zum Frieden.

Die komplette Tabelle und weitere wichtige Fakten zum Thema findest du in einem Artikel "Scham- und Schuldkultur" von Dr. Thomas Schirmacher, Präsident des Internationalen Rates der International Society for Human Rights aus der Zeitschrift Querschnitte.

Du kannst nun einmal für dich überprüfen, aus welchem Kulturhintergrund du stammst. Viel Spaß!

Im 4. Teil erfährst du, warum es wichtig ist schnell einheimische Freunde zu finden und warum ein Lerncoach für dich zum persönlichen Helden werden kann.

Im Persönlichen Coaching gibt es weitere Beispiele und wir klären, wie du in schwierigen Situationen am besten mit den Menschen umgehen und wie du passend reagieren kannst.