Fremd bleiben oder Über-Integration?

19.08.2017

Drei Tore entscheiden in einer fremden Kultur darüber, ob du ankommst, in ihr aufgehst oder nie einen Zugang findest. Mit jeder Begegnung, jedem Gespräch, jeder Wahrnehmung eines kulturellen Unterschiedes entscheidest du dich neu, welchen Durchgang du wählst. Aber woran erkennst du, durch welches Tor du gerade gehst?

Heute gebe ich dir eindeutige Kennzeichen an die Hand, ob du dich auf dem Weg der Integration befindest oder auf dem Holzweg.

Integrationslosigkeit: Außen vor bleiben

  • Stellst du bei dir fest, dass du auch nach den ersten Wochen in deiner neuen Heimat mehrmals in der Woche, teilweise über Stunden am Telefon/ Skype/ sozialen Medien hängst, um mit deiner alten Heimat direkt oder indirekt ständigen Kontakt zu halten?
  • Weißt du eher Bescheid darüber, was deine Freunde/ Geschwister/ Familie in Deutschland gerade unternehmen, als die Menschen in deinem  Umfeld/ deiner neuen Uni/ Schule/ Sozialprojekt?
  • Ist dir auch nach Wochen die Sprache/ Kultur/ Menschen derart fremd, dass du jeden Tag darüber nachdenkst, wieder nach Deutschland zu fliegen?

Dann sollten bei dir alle Alarmglocken klingeln. Du bist auf dem besten Weg dich abzugrenzen, einzugraben und dich innerlich aus deiner neuen Heimat zurückzuziehen.

Oder bist gar nie richtig angekommen?

Egal wie deine Ausgangssituation lautet, du kannst sie ändern!

Tue jetzt vor allem eins: Verbringe mehr Zeit mit den Menschen aus deinem direkten Umfeld und viel weniger Zeit mit den Menschen in der Ferne.

Es kommt natürlich während eines Auslandsaufenthaltes immer wieder vor, dass man Momente oder Phasen hat, in der man seine Heimat, seine Freunde, Familie und Bekannten stark vermisst und das ist auch ok so. Wenn sich dieser Zustand allerdings dauerhaft einstellt, sollte bei dir der rote Warnblinker aufleuchten und du in die Offensive gehen: Gehe auf Menschen zu, fange an ihre Sprache zu sprechen, egal wie lückenhaft dir deine Kenntnisse erscheinen. Versuche  ein Verständnis für diese fremdartige Kultur zu entwickeln und beginne, die Schönheit in ihr zu entdecken. Das sind die ersten Schritte auf deinem Weg zur Integration.

Über - Integration

Du bist in Namibia und fühlst dich wie ein „San“ mehr? Du besuchst Bolivien und das Einzige was dir deiner Meinung nach zum richtigen Quechua fehlt, ist die etwas dunklere Hautfarbe? In Russland verstehst du die Auswirkungen von 70 Jahren Kommunismus besser als die Einheimischen? Gleichzeitig kommt dir deine eigene Sprache und Herkunftsland so weit entfernt vor wie der Mond von der Erde und soviel unterentwickelter und unnötiger?

RRRRRRING!

Hier bist du wahrscheinlich mittendrin in einer Überintegration- oder Überidentifikations-Phase. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass du innerlich entschieden hast „Teil des Tribes zu werden“ und zwar exakt so, wie die indigenen Menschen selbst.

Sorry, dass ich dich enttäuschen muss. Denn obwohl es eine hehre Absicht ist, wird dies nicht funktionieren. Du kannst dich anstrengen wie du willst, die Sprache bis zum lokalen Akzent fehlerfrei intonieren, ein einheimisches Musikinstrument lernen und dich nur noch von den lokalen Speisen inklusive getrockneten Mopane-Würmern ernähren – du wirst für die Einwohner deines Ortes immer dies bleiben: Ein Muzungu, ein Gringo, ein Yankee. Kurz: Ein Ausländer, ein Europäer, ein Deutscher.

Aber das ist ok so.

Keiner verlangt von dir inländischer zu werden als jeder andere in deiner Wahlheimat ansässige Ausländer. Es ist gut, sich sehr für die neue Kultur, die Menschen und Sprache zu interessieren, aber es ist nicht nötig, dass du versuchst, mit ihr zu verschmelzen. Dies führt vor allem zu einem: Zu herber Enttäuschung deinerseits. Denn früher oder später werden dir die Menschen um dich herum, deine Freunde und dein eigenes Bewusstsein klar machen: Du warst Deutscher. Du bist Deutscher. Und du bleibst Deutscher. Aus welchem Grund auch immer du versuchst es nicht zu sein (ich habe es auch versucht) oder wie überzeugend du dir und deinem gegenüber deine Rolle spielst, irgendwann wird deine Maskerade abfallen, wie die Mopane-Raupenhülle vom frisch geschlüpften Schmetterling.

Daher: Bleib du selbst. Fühl dich wohl in deiner Rolle als Fremder, als Kennenlernender, als Gast. Diese Rolle steht dir zu und steht dir gut. Alles andere wäre vermessen.

Gesunde Integration: Kompromisse schließen

Wie kannst du also ausgewogen in deiner neuen Kultur leben? Hier gebe ich dir die ultimativen 9 Tipps, die dir bei einer gesunden Integration helfen werden:

  1. Versuche die Dinge, die dir fremd vorkommen, als Bereicherung anzusehen.
  2. Ziehe dich nicht zurück, wenn dich Dinge stören, du Dinge nicht verstehst oder sie dich verletzen. Suche das Gespräch, am besten mit der Person, die so komplett anders ist als du. Du wirst am meisten von ihr lernen!
  3. Verteufle aus der Entfernung nicht pauschal alles, was du von Deutschland weißt oder dich nervt. Versuche hinter die Kulissen zu schauen: Warum sind die Menschen hier scheinbar so sehr arbeitsorientiert  und warum so wenig beziehungsorientiert? Welche Vorteile hat das aber auch? Warum sind Menschen in deiner alten Heimat so über-direkt und in deiner Wahlheimat scheinbar so charmant und unkritisch? Welche Nachteile kann dies haben?
  4. Versuche jeden Tag ein Stückchen weniger zu vergleichen und aufzuwiegen. Erkenne, das „anders“ nicht „besser“ oder „schlechter“ bedeutet, sondern nur „ungewohnt“ für dich.
  5. Pflege gute Angewohnheiten, die du bereits von zu Hause kennst, aber sei auch offen für Neues, Landestypisches.
  6. Habe Gegenstände in deinem Zimmer/ deiner Wohnung, mit den denen du „Heimat“ verbindest. Sie helfen dir in Momenten, in denen du dich allein oder von aller Welt missverstanden fühlst.
  7. Freue dich daran, wie gut dir schon die Sprache gelingt, anstatt darüber zu mosern, wie viel dir noch fehlt.
  8. Falls du es bisher noch nicht genügend getan hast: Mache dir die Kultur zum Freund. Da wir Menschen Beziehungstiere sind (auch die größten Soziophobiker brauchen ab und zu Menschen um sich herum), suche dir Freunde vor Ort und reduziere deine „Skype-Freunde“ in der deutschen Heimat. Für richtige Hardcore-Typen: Suche dir eine WG nur mit Locals. No ways, dass du zwei Monate später noch derselbe Mensch bist!
  9. Pläne ändern sich permanent , darum sei flexibel. Der Bus fällt aus, es regnet, jemand braucht dringend Hilfe. Alles Gründe warum eine Verabredung platzen kann. Sei nicht sauer (zumindest nicht lange), denn dein Gegenüber wird nicht verstehen, warum du verärgert bist. Versuche gar nicht, es ihm zu erklären – er wird dich nur verständnislos anblicken. Die meisten Hindernisse werden wahrscheinlich als „Höhere Gewalt“ verstanden. Was kann man da schon tun? Also sei verständnisvoll, entspann dich, komm auch mal zu spät und fasse deinen gesteckten Zeitrahmen weiter. Genieße lieber die Begegnungen die du zwischendurch hast, als dich wegen der Person zu grämen, die dich warten lässt.

Du hast alle 9 Tipps befolgt, merkst aber, dass du irgendwie stecken geblieben bist oder dich irgend etwas daran hindert, in deiner neuen Kultur Fuß zu fassen? Dann melde dich bei mir zu einem Test-Coaching an. Gerne unterstütze ich dich und wir versuchen gemeinsam,  deinem Problem auf den Grund zu gehen, damit du von deinen Aufenthalt voll profitieren kannst!