Gastfreundschaft, Mate und Mahlzeiten - Ankunft im fremden Land - Teil II

02.12.2016

7. Gastfreundschaft

In den meisten Ländern ist Gastfreundschaft eines der wichtigsten Werte, viel wichtiger als in Deutschland. Davon profitierst du in erster Hinsicht, denn sie macht es einfach, in die Kultur hineinzublicken, Menschen und Familien einfach kennenzulernen, auch soziale Unterschiede zu bemerken. Jeder Besuch wird so zu einem kostenlosen interkulturellen Mini-Training für dich. Das solltest du schätzen.

Gerade am Anfang wirst du wahrscheinlich von allen Ecken und Enden Einladungen bekommen, da die Menschen „den fremden Deutschen“ kennenlernen wollen. Das ist ein gutes Zeichen. Informier dich über die Gegebenheiten wie Gastgeschenke, Tischsitten und Essenszeiten. Warum nicht direkt bei der Familie, die dich eingeladen hat?

Gastfreundschaft kann aber auch zur Belastung werden. Du wirst nicht alle Einladungen annehmen können. Hier hilft es sehr diplomatisch vorzugehen. „Kein Bock“ oder „will lieber Fernsehen“ sind keine guten Gründe. „Ich bin heute abend um diese Zeit mit meiner Mutter zum Skypen verabredet. Das ist mir sehr wichtig“, versteht dagegen in einer Familienorientierten  Kultur jeder.

Zu oft abzusagen kann jedoch dazu führen, dass dich die Locals als arrogant oder unnahbar einstufen, was schade wäre. Es gibt nur eine Sache die noch höher angesehen und gewertschätzt wird, als dein Besuch bei Einheimischen: Wenn du sie zu dir zum Essen einlädst. Sie werden sich sehr geehrt fühlen, das du Zeit für SIE hast, selber kochst und damit richtigen Aufwand betreibst, sie an deiner Essenskultur teilhaben lässt (falls du deutsch kochst)

Fazit:

Versuche den Spagat. Zeige dich als dankbarer Gast. Falls du einer Einladung einmal nicht nachkommen kannst, entschuldige dich höflich und liebevoll. Lade so viele Menschen ein wie dir möglich ist. Damit öffnest du den Locals die Tür zu deinem Haus und zu deinem Herzen!

8. Prost Mahlzeit!

Spezifizieren wir das Thema Gastfreundschaft etwas mehr, gelangen wir automatisch an den Essenstisch. Essen muss jeder. Auch du. Aber auch hier hast du die Wahl: Entweder du lässt dich auf die lokalen Gaumenfreuden (oder –leiden) ein oder du fastest offiziell drei Monate oder ein Jahr lang und stielst dich Nachts heimlich aus deinem Zimmer oder von deiner Gastfamilie, um dir bei McDonalds den Bauch vollzuschlagen oder dir heimlich Nudeln mit Tomatensoße zu kochen.

Anders als in Deutschland sind gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie oder wahlweise engen Freunden ein soziales Muss. Hier trifft man sich, genießt die gemeinsame Zeit und lernt sich näher und tiefer kennen. Als Neuankömmling ist dies für dich DIE Einstiegsmöglichkeit in die fremde Kultur schlechthin. Auch hier gilt wie bei allem anderen: Wertschätzung geht vor deutschem Wahrheitsgefühl. Auch wenn die glibschigen Hühnerinnereien, der verfault riechende Rinderpansen, oder der nach ausgedrückten Zigaretten schmeckende Mate dich nicht in den kulinarischen 7. Himmel befördern, versuche Wohlwollen zu signalisieren und deine inneren Vorbehalte gleich mit herunter zu schlucken. Und wer weiß, vielleicht, nachdem ein paar Freunde vor Ort gefunden und lieben gelernt hast, schmeckt dir auch das Essen immer besser.

Da jedoch Essen zu den am stärksten kulturellen Prägungen gehört, ist es durchaus akzeptabel gelegentlich bei einem gutsortierten Restaurant deiner Wahl ein Schnitzel mit Pommes zu bestellen (falls vorhanden).

Personal Story: Me&Mate

Ich hatte nie ein Problem mit Mate-Trinken*. Ich mochte es sogar ziemlich. Aber das dabei im Kreise von Bekannten oder in meinem Fall Kommilitonen manchmal Stunden vergingen, fand ich übertrieben und nicht wirklich effizient. So brauchte ich während meines Studiums in Argentinien eine Weile bis ich es raffte: Oberflächliche Bekanntschaften führten nur über reichhaltigen, kontinuierlichen und zeitintensiven Mate-Genuss zu tiefen Freundschaften, tragenden Beziehungen und horizont-erweiternden Austausch.

Kaffee bringts nicht, Wasser mögen sie nicht und Saft ist nicht immer vorhanden. Aber Mate geht immer und ist auch immer da. Mir machte das ein Local mal so deutlich: Ich saß gerade in der Bibliothek und schrieb einen äußerst wichtigen Newsletter an die Heimat. Er kam rein und lud mich zum allgemeinen Mate-Konsum ein. Ich weigerte mich mit der Entschuldigung, ich müsse den Brief heute fertig bekommen. Er bestand darauf, dass ich rüber komme und dort meinen Brief weiter schreiben könnte. Ich beharrte, dass  ich mich dort nicht konzentrieren könne und es also nichts bringt. Da setzte er mir die Pistole auf die Brust: „Wenn du jemals tiefer in die argentinische Kultur einsteigen willst, musst du an diesen gemeinschaftlichen Mate-Zeiten teilhaben, sonst wirst du nie tiefe Freundschaften schließen und die Argentinier so kennenlernen wie sie wirklich sind!“

Das saß. Ich kam mit meinem Laptop zum Küchentreffpunkt und wurde freundlich begrüßt und mit Mate versorgt. 5 weitere Minuten tippte ich geistesabwesend auf meinem Laptop herum, bevor ich ihn zuklappte, weil es ohnehin nichts brachte und die nächsten 2 Stunden mit den anderen die Gemeinschaft genoss. Ich hatte ein Stück mehr kennengelernt, worauf es in dieser Kultur ankam.

9. Armut und Reichtum

Wahrscheinlich wird dir schon aufgefallen sein, dass in deinem Gastland der Unterschied zwischen ganz reich und ganz arm „ein wenig“ extremer ist , als in Deutschland?

Das krasseste Erlebnis eines solchen Kontrastes hatte ich in Paraguays Hauptstadt Asunción. Hier grenzt der Regierungsglaspalast (und das Wort ist nicht übertrieben), der auf einer Anhöhe steht, direkt an die größte, ärmste und gefährlichste „Villa“ (also Armenviertel) Paraguays. Man hat das Gefühl, dass die Reichen und Regierenden (meistens handelt es sich um dieselben Personen) auf die Armen herunterlachen.

Zwischen den Klassen gibt es in den meisten Ländern eine eingefahrene Situation, wie man miteinander umgeht oder sich aus dem Wege geht. Dein Vorteil: Du bist frei von Konentionen. Nutze das! Du kannst einfach über die Klassengrenzen steigen und kaum einer wird dir das übel nehmen, da du ja nur der „Gringo“, der „Muzungu“ – also der unwissende Deutsche bist.

Durch eine gelebte Gastfreundschaft und ein offenes Haus (oder Zimmer) für Menschen aller Herkunft, kannst du ernsthaft einen sozio-politischen Unterschied machen, den die Menschen in deinem Umfeld wahrnehmen werden und sie bestenfalls zum nachdenken und nachmachen animiert.

Du fragst dich vielleicht, ob es nicht schwierig ist, gerade ärmere oder ärmste Bewohner einzuladen, da du für deren Standard wahrscheinlich ziemlich luxuriös lebst? Das Interessante dabei ist: Die meisten „armen Menschen“ haben gar kein Problem, dass andere Menschen mehr haben oder in einem besseren Umfeld leben. Sie haben allerdings ein Problem damit, wenn sie alles für sich behalten, also Arme ausgrenzen. Wenn du also Menschen aus einem ärmeren Umfeld zu dir einlädst, tust du nicht nur etwas gegen deren Vorurteil, sondern beweist auch den Reichen, dass man sehr wohl Menschen anderer sozialer Herkunft gleich behandeln kann, ohne dass einem das Haus ausgeraubt wird.

Fazit: Ich ermutige dich dazu,  Menschen aller Schichten offen gegenüber zu treten. Falls es dir selbst schwer fallen sollte, mit Menschen einer anderen sozialen Schicht zu interagieren ist dies das perfekte Übungsfeld, das du nutzen solltest. Du brichst damit wahrscheinlich so ziemlich alle sozialen Stigmata, Vorurteile und Ängste! Vielleicht ist dein Aufenthalt in diesem Land so auf ganz andere Seite sinnvoll, als du dachtest.

*Mate - stark Teein- und Koffeinhaltiges Getränk, vom Matestrauch stammend, dass sowohl heiss (Mate) als auch kalt getrunkten werden kann (Tereré). Besonders in Paraguay, Uruguay, Argentinien und dem Süden Brasiliens ein Kultgetränk, das hauptsächlich gemeinsam mit anderen Menschen genossen wird.

Hier findest du die weitere wichtige Punkte, die du nach deiner Ankunft beachten solltest!