3. Schockphase - Neue Zuversicht: Die stärksten Anzeichen, dass du deine neue Kultur akzeptiert hast!

01.05.2017

Herzlichen Glückwunsch, du gelangst langsam aber sicher in die dritte, permanenteste und zugleich reifste Phase: Die Akzeptanz.
Wenn du es bis hierher geschafft hast, ist das Schlimmste überstanden. Du bist nun bereit, einen ausgeglichen Blick auf die Dinge um dich herum zuzulassen. Du bemerkst, dass Umstände weder alle schlecht, noch sooo viel besser sind, als in deinem Heimatland. Die Ämter funktionieren noch zäher als in Deutschland?
Die Menschen sind aber wesentlich hilfsbereiter?
Es regnet weniger, dafür ist es manchmal unerträglich trocken?
Technik und Kleidung sind spottbillig, halten dafür aber nur solange, bis du sie allen deinen Freunden präsentiert hast?

Wunderbar! Du akzeptierst die Realität. Denn schließlich ist ja auch zu Hause nicht alles super, noch läuft es immer problemlos. Du findest in dieser Phase heraus, dass „gut“ oder „schlecht“ völlig unpassende Adjektive sind, um eine Kultur zu beschreiben.
Wären „anders“, „neu“ oder „unerwartet“ nicht viel passender?

Jede Kultur hat ihre Eigenheiten
An dir ist es, diese Eigenheiten wahrzunehmen, kennenzulernen und wertzuschätzen – Positives, wie Negatives und dich mit ihnen zu versöhnen.
Dies gilt übrigens im gleichen Maße für deine Heimatkultur.
Denn eins ist sicher: Sobald du wieder in Deutschland bist, wirst du dieselben Schock-Phasen auch in deinem Heimatland durchleben und darfst dich auch hier entscheiden, durch welche Brille du deine alte Heimat sehen willst.

Beispiel: Die argentinische Seifenblase vs. die deutsche Schublade
Es hat mich ein ¾ Jahr in Argentinien gekostet und dazu zahlreiche Missverständnisse, um zu verstehen, wie das komplexe argentinische Arbeits- und Beziehungsgeflecht funktioniert.
In Deutschland ist es einfach. Wenn du arbeitest, arbeitest du. Wenn du studierst, studierst du. Wenn du dich mit Freunden triffst, verbringst du Zeit mit Freunden. Das nenne ich „das deutsche Schubladensystem“. Jeder Lebensbereich ist fein säuberlich vom anderen getrennt. Tut man das eine, tut man nicht das andere. Jedes an seinem Ort, zu seiner Zeit.
Mit diesem Ansatz scheiterte ich in Argentinien kläglich!

Das argentinische System gleicht dem einer Blase. Alles hat Platz, es gibt keine Abtrennungen. Diese Blase auch extrem dehnbar, aber manchmal auch sehr zerbrechlich. Daher nenne ich es „das argentinische Seifenblasensystem“.
Kollegen essen abends entspannt zusammen und besprechen gleichzeitig die Firmenpräsentation für den morgigen Tag.
Jemand schraubt hochkonzentriert an seinem Auto. Doch als ein Freund vorbei kommt, wird der Schraubschlüssel fallengelassen und man setzt sich die nächsten 2 Stunden auf einen Becher Mate zusammen.
Zu einer Familienfeier kommen uneingeladen etliche Nachbarn vorbei. Man stellt schnell ein paar Stühle zusammen, streckt die Suppe und lädt alle ein.
Es gibt keine Trennung von Lebensbereichen. Alles verschmilzt.

Ich möchte dir zum besseren Verständnis diese reale Geschichte erzählen:
Ein deutscher Student beschließt eines Nachmittags  für eine Prüfung von 15.00-17.00 Uhr zu lernen. Um 15.15 Uhr kommt ein argentinischer Freund vorbei und lädt ihn zum Nachmittags-Mate trinken mit ein paar Freunden ein. Der Deutsche lehnt freundlich aber pflichtbewusst ab, denn er muss lernen. Der Argentinier akzeptiert und geht.
15 Minuten später kommt er wieder mit demselben Vorschlag. Nun hat er die emotionale Unterstützung der Freunde mitgebracht, die unbedingt auch mit dem Deutschen einen Mate trinken wollen. Er könne sich einfach dazu setzen und weiterlernen und einfach „nur dabei sein“. Der pflichtbewusste Deutsche glaubt sein ausbaufähiges Spanisch sei missverstanden worden und wiederholt, dass er leider nicht mitkommen könne, weil er doch lernen müsse. Jetzt ist Lernzeit und am Abend könne er gerne zu den Freunden mitkommen. Nur jetzt eben nicht.
Der argentinische Freund lässt nicht locker. Er bittet und argumentiert solange, bis der Deutsche entnervt den Laptop zuklappt. Er packt ihn ein, in der illusorischen Hoffnung, neben dem freundschaftlichen Matetrinken weiter arbeiten zu können.
Aber es kommt, wie es kommen musste.
Er wird im Kreis der mate-trinkenden Freunde willkommen geheissen und bekommt sofort das bitter-süße Getränk mit einem Keks serviert. Er schaut noch 5 Minuten lang unkontrolliert nebenbei ab und zu auf seinen Bildschirm, bevor er ihn zuklappt und die folgenden 2 Stunden ausgelassen mit seinen Freunden quatscht, während der Mate-Tee fortlaufend seine Runden zieht.

Was war passiert? Die argentinische Blase hatte die deutsche Schublade gefressen. Und das war gut so. Denn diese Erkenntnis hat den deutschen Studenten auf einen Schlag in die argentinische Beziehungssystematik gesogen. Was ihm nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass es diese unverfänglichen Mate-Nachmittage unbedingt als Vorstufe benötigt, um tiefergehende Freundschaften mit Einheimischen zu schließen. Nimmt er nicht teil, verschließt er sich der argentinischen Freundeskultur und würde wahrscheinlich für immer in einem sehr oberflächlichen Beziehungsgeflecht herumdümpeln.

Dieser Student war übrigens ich. Und dieses Erlebnis lehrte mich mehr über die argentische Kultur, als alle Bücher und theoretischen Vorkenntnisse. Manches muss man durchleben, um tief verändert zu werden.

Falls du noch nicht soweit bist, lies diese 4 krassen Unterschiede zu Deutschland, auf die du im Ausland zwangsläufig stoßen wirst (egal wo du hin willst).