2. Schockphase: Stress pur – und wie du ihn am besten bewältigst.

16.06.2017

Plötzlich ist der permanente herrliche Sonnenschein einer nicht mehr zu ertragenden glühenden Hitze gewichen. Das ständige sich Einbringen müssen in die verschiedenen privaten, studentischen und Arbeitskreise wird nervig. In deiner Gastfamilie oder deiner WG gibt es gefühlt keinen Ort, wo du mal richtig allein bist. Beim Lernen deiner neuen Sprache kommst du anscheinend über ein Anfänger-Niveau nicht hinaus. Du willst so vieles sagen und hast doch so wenige Worte. Und dann überall dieser Lärm: auf der Straße, im Haus, auf der Arbeit/Uni/Schule. Nirgends ein Ort der Ruhe. Noch nie hast du deine deutsche kleine Heimatstadt und die ganzen schweigsamen Menschen so vermisst, wie jetzt.

Du regst dich über fast alles auf. Die öffentlichen Busse sind immer unpünktlich oder kommen erst gar nicht. Deine Verabredungen versetzen dich am laufenden Band mit zwielichtigen Entschuldigungen. Versprechen werden nicht eingehalten. Geliehenes Geld oder Gegenstände bekommst du nicht zurück. Scheinbar tiefgründige Freundschaftsbetörungen stellen sich als oberflächliches Geplänkel heraus. Keiner kümmert sich um dich. Du fühlst dich mutterseelenallein und alles hat sich scheinbar gegen dich verschworen.Kurzum: Nie hattest du ein stärkeres Bedürfnis allem Fremden den Rücken zuzuwenden und nach Hause zurückzukehren, als jetzt.

In dieser Schockphase brechen die meisten Fernreisenden ihre interkulturelle Reise ab, um „kurz“ nach Deutschland zu entfliehen. Die meisten kehren nie wieder. Warum?

Nicht weil die Kultur wirklich so schrecklich, die Einheimischen so rücksichtlos und das Wetter so extrem ist. Der wirkliche Grund ist: Sie haben einfach zum falschen Zeitpunkt die falschen Schlüsse gezogen.

Es ist, als würdest du einen Kuchen zusammenrühren. Du hast ihn gerade 15 Minuten im Ofen stehen und holst ihn raus, weil du ihn fertig gebacken erwartest. Die Kruste ist von außen schon Recht fest, aber innen ist noch alles flüssig und matschig. Du schmeißt den Kuchen weg „weil er ja anscheinend nichts taugt“. Dabei wäre es nur nötig gewesen, den Kuchen länger in der Hitze backen zu lassen.

So verhält es sich auch mit dir. Bleibe noch ein wenig länger im „Feuer“ deines interkulturellen Erlebnisses. Du wirst bald Veränderung deiner Situation erleben. Bloß wie?

Wie kannst du diese Schockphase am besten für dich nutzen?

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Du kannst niemand anderes verändern, als nur dich selbst.

Dazu möchte ich dir eine Geschichte erzählen.

„Man kann einen Obdachlosen leichter von einer Müllkippe holen, als die Müllkippe aus dem Obdachlosen.“ Das hatte mir mal ein befreundeter Missionar mitgeteilt. Seine Organisation versorgt Obdachlose auf Müllhalden mit Essen und dem Nötigsten. Er hatte versucht, 6 Familien, die auf einer Müllkippe lebten, in ein neues eigenes Haus „umzupflanzen“.

Das Ergebnis: Nach 6 Monaten lebten sie wieder auf der Müllkippe. Er hatte es zwar geschafft, sie von der Müllkippe zu holen, doch das Leben der Müllkippe war bereits derartiger Bestandteil ihres Lebens, dass sie sich ein Leben außerhalb gar nicht mehr vorstellen konnten. Die einzige Lösung für dieses Problem: Sie kehrten zurück an ihren ursprünglichen Ort.

Was bedeutet das für dich?

Du hast die Wahl, an deiner Meinung, wie Kultur und Menschen sein müssen, entsprechend deiner Prägung festzuhalten. Oder du lässt dich ganz darauf ein, dass diese Kultur und Menschen ganz anders sind, als alles was du gewohnt bist.

Deine Werte sind gut, aber es sind nicht die einzigen. Bist du bereit für die harte Realität? Dann verrate ich dir jetzt die Punkte, die dir helfen deine Krise zu überwinden. Wenn du sie befolgst, wirst du auf ein neues Level in deiner interkulturellen Erfahrung gelangen.

1. Du stehst in der Hol- Schuld

Niemand in deiner Gastkultur schuldet dir etwas. Niemand MUSS auf dich eingehen. Keiner ist verpflichtet, deine anfänglichen Sprachübungen stundenlang auszuhalten. Auch gute Freunde müssen dich nicht in ihren Freundes- oder Familienkreis integrieren. Falls irgendetwas davon passiert, sieh es als Plus an und sei dankbar darüber.

2. Probleme ansprechen – Konflikte lösen

Dieses Thema ist in den meisten Scham- Kulturen (Link zu Erklär-Artikel Scham-Kulturen) mit Vorsicht zu genießen. Meistens gibt es eine ganz eigene Vorgehensweise, wie mit Problemen, mit einer kniffligen Situation oder Person umgegangen wird. In den meisten Fällen wird es keine Konfrontation geben und auch keine direkte Ansprache des Problems. Oft kommuniziert man das Problem über Dritte (nahe Verwandte oder sehr gute Freunde), damit der „Beschuldigte“ sein Gesicht waren kann.

Du erlebst vielleicht auch selbst, dass keiner dich direkt kritisiert und denkst dabei, niemand hätte ein Problem mit dir. Das ist vermutlich eine Illusion. Wahrscheinlicher ist, dass andere auf ihr „Recht“ dir gegenüber nicht bestehen oder es anders kommunizieren, als du es gewohnt bist. Zum Beispiel indem sie dir fern bleiben oder den Kontakt mit dir verringern.

Mir ist es einmal passiert, dass ich einen sehr guten Freund in eine peinliche Lage seiner Freundin gegenüber gebracht habe. Ich hatte nur versucht, Beziehungsprobleme, die sie offensichtlich hatten, offen anzusprechen, und ihnen beim Lösen zu helfen. Das Ende vom Lied war, dass dieser Freund den Kontakt mit mir beinahe völlig abbrach und ich wusste lange Zeit nicht einmal, warum.

3. Akzeptieren, dass Dinge anders funktionieren

Bestimmte Werte, Regeln und Gewohnheiten stehen für einen bestimmten Kulturkreis und halten diesen zusammen. Löst du diese Werte, Regeln oder Gewohnheiten aus ihrem gesellschaftlich- kulturellen Kontext und packst sie in einen völlig anderen, kommt es zu Reibung, Verschleiß und Missverständnissen.

Der Schlüssel ist also, diejenigen Werte, Regeln und Gewohnheiten herauszufinden, die in deinem Gastland anzutreffen sind. Die Schwierigkeiten liegt darin, dass sie oft verdeckt existieren und für einen Neuling manchmal erst nach Jahren sichtbar werden.

Hier genügt es nicht die Sprache zu verstehen. Hinzu kommt ein Verständnis für die Geschichte zu entwickeln, und zwar sowohl für die historische, als auch für die erlebte, die sich in den Menschen befindet. Der Rest findet sich zwischen den Zeilen.

Warum erzählen Menschen die Unwahrheit. Sind sie böse, schlecht oder moralisch verdorben? Oder versuchen sie damit ein Familienmitglied zu schützen? Oder die Ehre einer Freundin? Oder wollen sie dich vor Schwierigkeiten bewahren?

Du siehst, es gibt keine Standard-Lösungen. Es ist ein permanentes Hinfallen und Wiederaufstehen. Was hilft, ist eine gute Beobachtungsgabe. Auch das Nachfragen bei guten Freunden, wie sie Konflikte mit Freunden/Familie lösen oder ansprechen ist hilfreich. Und nachzuhaken, warum sie Dinge tun, wie sie sie tun.

Weitere Hilfe dazu findest du hier

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